Geschichte des Schachs in Wolfenbüttel

Das Schachspiel in Wolfenbüttel – Von Herzog August und Lessing bis zur Gegenwart


Abbildung aus „Das Schach- oder König-Spiel“, rechts sitzend: Herzog August

Das Schachspiel, die wunderbare Gabe aus dem Morgenland, gelangte über Spanien und Sizilien nach Europa. Am Ende des Mittelalters war Schach das populärste Spiel in Europa. Das erste Schachlehrbuch „Repetición de amores e arte de axedrez“ stammt von dem Spanier Luis Ramires de Lucena und erschien 1497. Das erste deutsche Lehrbuch über das Schachspiel schrieb im Jahre 1616 unter dem Pseudonym Gustavus Selenus der Herzog August der Jüngere von Braunschweig-Lüneburg (1579-1666), dessen Hof in Wolfenbüttel lag. Dieses Pseudonym war keine Tarnung sondern entsprach vielmehr einer fürstlichen Laune. Gustavus ist eine Umstellung der Buchstaben von Augustus und Selenus die Bezeichnung der griechischen Mondgöttin, die bei den Römern Luna genannt wurde und eine Verbindung zum Namen des Herzogtums Braunschweig-Lüneburg herstellt. Herzog August hatte als vierter und jüngster Sohn kaum Aussicht, das väterliche Erbe als Nachfolger anzutreten. So war seine Ausbildung letztlich seinen Neigungen gemäß den Wissenschaften zugewandt. Er studierte in Rostock, Tübingen, Straßburg und Padua. Wahrscheinlich auf seiner Italienreise im Jahre 1598 entdeckte Herzog August seine Liebe zum Schachspiel. Er brachte von dieser Reise mehrere Schachbücher mit und ließ sich in den Folgejahren von seinem Agenten Philipp Hainhofer aus Augsburg weitere Schachbücher schicken bzw. Abschriften aus Schachbüchern fertigen. Sein Buch „Das Schach- oder König-Spiel“ ist mit fast 500 Seiten ein sehr umfangreiches Werk. Im Wesentlichen handelt es sich hierbei um eine Übersetzung des spanischen Lehrbuches „Libro de la inventión liberal y arte del juego del Axedrez“ von Ruy López de Segura aus dem Jahre 1561. Herzog August hat jedoch viele Zusätze mit schachhistorischen und schachphilosophischen Betrachtungen aufgenommen. Außerdem hat der Fürst in diesem Buch einen umfangreichen Beitrag zur Geschichte des Schachdorfes Ströbeck (Landkreis Halberstadt) geschrieben. Das Buch enthält außerdem viele schöne Kupferstiche. Auf einem Kupferstich des Straßburgers Jacob van der Heyden ist Herzog August mit einem unbekannten Partner und zwei Zuschauern portraitiert. Dieses Portrait ist auch Motiv einer ungarischen Briefmarke aus dem Jahre 1974. Das Buch wurde in Leipzig verlegt. Bereits im Jahre 1617 war eine zweite Auflage nötig. Dabei war der Herzog der beste Kunde seines Verlegers. Er kaufte viele Exemplare um sie als Widmungsexemplare an die Fürstenhöfe in Deutschland zu versenden. Auf diese Weise wollte er zur Verbreiterung des Schachspiels beitragen. Viele dieser Exemplare wurden als Repräsentationsstücke in die Bibliotheken aufgenommen. Daher sind heute noch relativ viele Exemplare in guter Erhaltung vorhanden. Herzog August hatte den Wahlspruch „Alles mit Bedacht“. Diese Aussage kann auch als Grundregel für das Schachspiel gelten.

Dem Schachspiel war auch Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) verbunden. Er war von 1690 bis zu seinem Tode Bibliothekar an der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel. Er schätzte das Schachspiel besonders wegen seiner Kombinationsmöglichkeiten. Von ihm stammen die Aussagen zum Schachspiel: „Die erstaunliche Logik und die mathematische Exaktheit stellen das Schachspiel auf eine Stufe mit jeder exakten Wissenschaft, während Schönheit und Bildhaftigkeit seiner Ausdrucksform im Verein mit künstlerischer Phantasie es in eine Reihe mit allen anderen Künsten rücken lässt.“ Und: „Die Menschen haben nie mehr Geist gezeigt, als wenn sie gespielt haben und wegen seines Mangels an Glückreiz steht das Königliche Spiel über allen anderen und stellt es der Wissenschaft nahe.“

Dem Spiel im allgemeinen und dem Schachspiel im besonderen war auch Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) sehr zugetan. Auch er war in Wolfenbüttel Bibliothekar, und zwar von 1770-1781. Das Schachspiel gehörte als geistvolles Spiel zu seinen Lieblingszerstreuungen. Er studierte die vorhandenen Schachpublikationen der Bibliothek und erstellte eine bibliographische Übersicht dieser Schriften. Sein kleiner, buckliger Hausarzt Topp war oft sein Spielpartner. In Berlin traf er sich oft mit Moses Mendelssohn und in Hamburg mit Klopstock zu einer Partie Schach. Lessing war ein intimer Kenner des Spiels und hat dies in seinem Schauspiel „Nathan der Weise“ sehr eindrucksvoll beschrieben. Die lebenslängliche Freundschaft mit Moses Mendelssohn und die gemeinsame Vorliebe für das Schachspiel veranlassten Lessing, Mendelssohn in der Person des Nathan als ein unvergängliches Toleranzsymbol darzustellen. Er lässt in diesem Stück Saladin und Sittah eine Partie Schach spielen und baut diese vorzüglich literarisch in das Geschehen ein. Durch die verwendeten Begriffe Springergabel, Abzugsschach und Doppelschach kann man den Partieverlauf leicht nachvollziehen. Lessing setzt sich mit dieser Szene ein schachliterarisches Denkmal. Bei einer Partie Schach zwischen Lessing und Mendelssohn soll auch der Ausspruch „Es ist für den Ernst zuviel Spiel und für das Spiel zuviel Ernst“ geboren sein. Diese Worte werden zum Teil Lessing und auch Mendelssohn zugeschrieben. Es ist vielleicht für das Leben von Lessing bezeichnend, dass von seinem Mobiliar nur noch der Spieltisch erhalten geblieben ist. Er gelangte über die Familie Topp, dem Enkel seines Hausarztes, später in den Besitz der Familie Rosenkranz und war mit den Spielsteinen bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges im Lessinghaus ausgestellt. In den Kriegswirren ist jedoch ein Turm abhanden gekommen. Daraufhin wurde die Leihgabe (Tisch und Figuren) zurückgenommen. Etwa 30 Jahre später schickte ein früherer kanadischer Soldat diesen Turm zurück. Der Eigentümer war darüber so erfreut, dass er testamentarisch den Spieltisch der Bibliothek vererbte. Daher steht er heute wieder im früheren Wohnhaus Lessings.


Hotel zum Löwen, um 1870

Das Schachspiel in öffentlichen Einrichtungen wie Cafés, Gasthäusern oder in Schachvereinen kommt erst wesentlich später auf. Etwa um 1830, in Berlin hat sich bereits ein Schachverein gebildet, wird auch in Wolfenbüttel Schach gespielt. Die Braunschweiger Zeitung vom 2. Juli 1935 schreibt zum Geschehen vor 100 Jahren: „Unter der geschlossenen Gesellschaft ist vor allem der ’Große Herren-Club‘ im ’Hotel zum Löwen‘ als einer der größten und vornehmsten zu nennen. Es wurde dort ’Whist‘ [der Skat war noch nicht nach Norddeutschland gedrungen], Billard und vor allem Schach gespielt.“ Immer mehr Schachbücher werden verlegt und tragen zur Verbreitung des Spiels bei. Im Wolfenbütteler Verlag der Holle’schen Buch-, Kunst- und Musikalien-Handlung erschien 1845 das „Lehrbuch des Schachspiels“ von Hirsch Silberschmidt. Dieser Verlag ging später in den Zwißler- und Kallmeyer-Verlag über und besteht noch heute als Möseler-Verlag.

Der erste Schachverein in Wolfenbüttel bildet sich im Jahre 1880. Das Spiellokal ist das „Kaffeehaus“. Es ist ein sehr reger Verein, der Vergleichskämpfe mit dem benachbarten Verein aus Braunschweig austrägt und sich auch rege an den Problemaufgaben der Deutschen Schachzeitung beteiligt. Dies belegen verschiedene Artikel in der Deutschen Schachzeitung. Doch bereits 1882 verliert sich die Spur dieses Vereins. Für viele Jahre ist kein Schachverein nachzuweisen. Im Jahre 1905 wird der Kaufmann Deneke aus Wolfenbüttel als Mitglied des Braunschweigischer Schach-Clubs geführt. Dies lässt mit großer Sicherheit vermuten, dass es zu diesem Zeitpunkt in Wolfenbüttel keinen Schachverein gab. Doch das Spiel von Privatpersonen in Cafés bzw. Gasthäusern wurde auch in Wolfenbüttel gepflegt. Von der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten im Jahre 1933 und der Gleichschaltung aller gesellschaftlichen Gruppen war auch das Schachspiel betroffen. Das Schachspielen in den Cafés (z.B. „Kronprinz“ und „Schloßschänke“) wurde verboten. Es entstand ein neuer Schachverein. Das Spiellokal war das „Café Lambrecht“ auf der Langen Herzogstraße. Vorsitzender des Vereins war der Druckereibesitzer Fischer. Am 17. Mai 1938 trägt der Verein einen Wettkampf gegen die Braunschweiger Schachfreunde aus, der mit 3.5 zu 6.5 verloren geht (DSZ 1938, Seite 165). Über weitere Aktivitäten dieses Vereins liegen keine Informationen vor.

Nach dem Zweiten Weltkrieg bildete sich in Wolfenbüttel bereits im Jahre 1946 ein neuer Schachverein, die Schachgesellschaft. Das erste Spiellokal dieses Vereins war der „Ratskeller“. Der Schachverein war sehr aktiv und nahm an dem sich bald darauf aufbauenden Spielbetrieb des Landesverbandes teil. Wolfenbüttel war in den 50er und Anfang der 60er Jahre neben Hannover und Göttingen die Schachhochburg von Niedersachsen. Besonders die intensive Jugendarbeit, um die sich der Mittelschullehrer Hans Klüglich verdient gemacht hat, trugen dazu bei. 1957 entstand mit dem Schachklub ein weiterer Verein. Spiellokal dieses Vereins war die Gaststätte „Tamborini“. Im Jahre 1970 schlossen sich die beiden Vereine zum „Schachverein Caissa“ zusammen. 1972 bildete sich wiederum ein zweiter Schachverein, die „Schachfreunde Wolfenbüttel“. Dieser Verein löste sich jedoch nach kurzer Zeit wieder auf. Im Jahre 1974 entstand in der Justizvollzugsanstalt ein eigenständiger Schachverein. Dieser Verein, der nur aus Häftlingen besteht, ist der einzige dieser Art in Niedersachsen. Der Verein nimmt auch an den Mannschaftswettkämpfen des Schachbezirks teil, wobei er natürlich in allen Spielen das Heimrecht hat.

Im Jahre 1977 wurden in Wolfenbüttel die Landesmeisterschaften im Schach ausgetragen. In der Lindenhalle kämpften mehr als 250 Spielerinnen und Spieler aus ganz Niedersachsen eine Woche lang um Meistertitel.

Die sportlich bedeutensten Ergebnisse für Wolfenbütteler Schachspieler erreichten Karlheinz Kraft und Manfred Nimtz. Karlheinz Kraft ist Internationaler-Fernschachmeister und für viele Jahren Spitzenspieler des Schachvereins Caissa. Er gewann 1995 die Europameisterschaft im Fernschach. Noch erfolgreicher war Manfred Nimtz. Er wohnt in Wolfenbüttel, spielt jedoch für den „Braunschweiger Schachclub“. Mit der Mannschaft belegte er im Fernschachturnier um die Europameisterschaft 1988-1993 und 1995-1998 jeweils den 1. Platz und wurde 1998 zum Fernschach-Großmeister ernannt. Bei der Mannschafts-Fernschach-Olympiade 1998-2001 konnte er die Goldmedaille gewinnen.

Rainer Krämer


Caïssa, „Göttin“ des Schachspiels


Marcus Hieronymus Vida • William Jones • Studies of Chess • Game of Chess

Der Name Caissa wird erstmalig in dem gleichnamigen Gedicht des englische Sprachforschers und Juristen Sir William Jones (1746-1794) veröffentlicht. Darin ist Caissa (Jones Erfindung) eine Nymphe, in die sich der römische Kriegsgott Mars verliebt. Als seine Liebe nicht erwidert wird, sucht er Hilfe bei Euphron (ebenfalls Jones Erfindung), dem Gott des Spiels, der für ihn das Schachspiel erfindet, als Gabe, um Caissas Herz zu gewinnen:

Caissa / or / the game at chess; / a poem. / Written in the year 1763, / by Sir William Jones /
Of armies on the chequer'd field array'd, / and guiltless war in pleasing form display'd; / when two bold kings contend with vain alarms, / in ivory this, and that in ebon arms / ... /
and fair Caissa was the damsel nam'd. / Mars saw the maid; with deep surprise he gaz'd, / admir'd her shape, and every gesture prais'd: / His golden bow the child of Venus bent, / and through his breast a piercing arrow sent. / ... /
Meantime the god, elate with heart-felt joy, / had reach'd the temple of the sportful boy; / he told Caissa's charms, his kindled fire, / the naiad's counsel, and his warm desire. / “Be swift”, he added, “give my passion aid; / a god requests.” – He spake, and Sport obey'd. / ...

Jones war von dem Gedicht „Scacchia Ludus“ (gesprochen: Skackia Ludus) des italienischen Renaissance-Dichter Marcus Hieronymus Vida (bzw. Marco Girolamo Vida, 1485-1566) inspiriert, in dem Vida eine Schachpartie zwischen den Göttern Apollo und Merkur beschreibt. In seinem Vorwort schreibt er dazu:

The first idea of the following piece, was taken from a Latin poem by Vida, entitled Scacchia Ludus, ... and the whole story of Caissa, which is written in imitation of Ovid, are his [Jones] own ...

Das Gedicht wird u.a. in den „Studies of Chess“, die englische Ausgabe der „L'Analyze des Écheces“, des Musikers, Komponisten und stärksten Schachspieler seiner Zeit, François-André Danican Philidor (bzw. André Danican Philidor der Jüngere, 1726-1795), wiedergegeben.

Jones 334-zeiliges Jugendwerk ist reich an barocken Schnörkeln und Emblematisierungen und daher nicht leicht zu enträtseln. Seiner Länge und Sprache wegen ist es wohl von den Wenigsten gelesen worden. Vermutlich deshalb findet man in einigen Fachbüchern und zahlreichen Internet-Einträgen Unzutreffendes. Das Gedicht:

Rezeption und Bedeutungserhöhung der Caissa als Patronin, Muse oder (besonders abwegig, die Antike kannte das Schachspiel nicht) Göttin des Schachs liegen im Dunkeln. Als Namensträgerin tritt sie 1870 beim ersten englische Fernschachbund, „The Caissa Correspondence Club“, in Erscheinung. Einer der stärksten französischen Schachclubs und Ausrichter vieler Turniere, der „Cercle d’Échecs Caïssa“, 1939 von Jeanne Le Bey-Taillis in Paris gegründet, benannte sich ebenfalls nach ihr. In Deutschland scheint sie erst nach dem Zweiten Weltkrieg in Mode gekommen zu sein. – Deutsche Schachvereine mit dem Namen „Caissa“: Berlin-Hermsdorf/Frohnau (gegründet 1949), Schwarzenbach/Saarland (1960), Hamburg-Rahlstedt (1965), Wolfenbüttel (1970), Kassel (1971), Hamm (1981), Schwarmstedt/Hannover (1981), Augsburg (1992) u.a.

Wem Caissa zu heidnisch erscheint, halte sich an die Heilige Teresa von Ávila. Ihre Kenntnis des Schachs verwendete sie in ihren Schriften für Gleichnissen zu sittlichen und religiösen Fragen. Von der katholischen Kirche wurde sie zur Schutzpatronin der Schachspieler erklärt. Einigen spanischen Schachspielern ist der Heilige Rochus (San Roque) Schutzpatron; möglicherweise wegen der alten kastilischen Bezeichnung „Roque“ für den Turm (vom arabischen Rukh, Streitwagen).

Dietrich Möseler